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Wenn die Belfaster Frauen von ihrer Zeit im Gefängnis erzählen, lachen sie viel,   erinnern sich an verbotene Partys und eingeschmuggelten Alkohol, an das Baby, das in Haft geboren wurde und bis zur Entlassung der Mutter als Liebling aller mit ihr im Gefängnis blieb. Stolz erzählen die Frauen von einem erfolgreichen Ausbruch aus dem Gefängnis und beschreiben genau, wie sie die Wärter überlistet haben. Nur selten kommen nachdenkliche Töne auf...   

Erst später, in einem Einzelinterviews zuhause bei einer der Frauen, Evelyn, wird deutlicher, was Krieg und Haft wirklich bedeuteten. „It does not sound like much“, sagt Evelyn nüchtern und schildert Erschütterndes: Mit 22 Jahren festgenommen wegen IRA-Unterstützung, getrennt von den beiden kleinen Töchtern, die jahrelang bei der Großmutter leben müssen. Der Vater der Kinder ist schon lange verschwunden – im Nordirland der 1970ier Jahre, in dem blutjunge Verliebte überstürzt „heiraten müssen“ alles andere als ein Einzelfall. Die Großmutter betreut gleichzeitig acht Enkelkinder, weil auch einige von Evelyns Geschwistern im Gefängnis sitzen. Evelyn selbst zerbricht fast an der Trennung von den Kindern. Aber sie sieht sich als „Soldatin“ und lässt sich ihren Schmerz niemals anmerken. Erst als eine ihrer Töchter als erwachsene Frau Selbstmord begeht, erlaubt sich Evelyn zu trauern – auch wenn ihr Schicksal im Wahnsinn des Bürgerkriegs in ihren Augen „nichts Besonderes“ war.

Eine Gruppe Frauen will ein Buch über ihre Zeit als Gefangene in Armagh veröffentlichen. Dieser Plan bestand schon lange, wurde aber immer wieder auf Eis gelegt. Das Nachdenken, Schreiben und Reden über die Vergangenheit erleben sie als schmerzhaft, aber auch wohltuend.    

Diese und andere Frauen sprechen vor der Kamera über ihr Leben als „Soldatin“ oder als Unterstützerin ihrer Community im Krieg. Immer wieder wird auffällig, dass den Frauen auch die Mitarbeit bei den Paramilitärs als etwas erschien, was eben getan werden musste. Oft sind sie ganz selbstverständlich hineingedriftet, da ihre ganze Familie von jeher verwurzelt in republikanischen bzw. loyalistischen Gruppen war. Diese Zugehörigkeit verlangte je nach Einzelfall Patrouillengänge, Waffenschmuggel oder die bedingungslose Unterstützung des Ehemannes oder Sohnes, dem der Rücken für den bewaffneten Kampf von allen Alltagssorgen freigehalten wurde.

Nachrichten aus den zeitgenössischen Medien verdeutlichen auch für die deutschen Zuschauer den historischen Hintergrund, zeigen Frauen auf Märschen, im Gefängnis und auf Wachgängen in ihren Vierteln, bei denen sie mit Mülleimerdeckeln auf den Boden schlugen, um vor nahenden britischen Soldaten zu warnen. Briefe, Zeichnungen und Fotos der Protagonistinnen lassen ihre Erfahrungen in dieser Zeit wieder lebendig werden.

Mythos Gleichberechtigung
Zeitungsartikel und Fernseh- und Radiobeiträge zeigen auch, wie die politische Aktivität der Frauen von den Medien aufgegriffen wurde: Der Mythos der starken, gnadenlosen IRA-Kämpferin entstand. In den eigenen Reihen dagegen mussten sich die Frauen oft zurücknehmen. Frauen erzählen, wie sie zur Befehlsempfängerin degradiert wurden. Auch die Doppelmoral blühte. Während anderswo zeitgleich die „freie Liebe“ propagiert wurde und der Feminismus erstarkte, ächteten republikanische Gruppen Frauen, die unverheiratet schwanger wurden, erinnert sich Nuala.

Auch die Protestantinnen machten ähnliche Erfahrungen. Noch mehr als die Katholikinnen definierten sie sich auch selbst als reine Unterstützerinnen der Männer, die keinen eigenen Beitrag leisteten. Dabei, erzählt eine Loyalistin, waren sie häufig genauso eingebunden und aktiv auf allen Ebenen wie die Katholikinnen.

Die Sorge für die Kinder und der Haushalt blieb auf beiden Seiten Frauensache. Soldatin, Ehefrau, Mutter, Tochter: „Women were playing so many roles”, reflektieren die Frauen. Sie sind stolz auf alles, was sie in den Krisenzeiten geschafft haben. An den vielen Rollen zerbrachen die Frauen oft fast, und auch viele Ehen hielten die Konflikte nicht aus. Die häusliche Gewalt nahm zu, denn durch die Troubles brutalisierte sich die Gesellschaft.

Krieg als Emanzipation?
Und doch hat der grausame Krieg gerade den Frauen nicht nur Leid zugefügt. Viele sind trotz allem an ihm gewachsen. „It is a strange thing to say but the war was actually in lots of ways good for the women”, fasst Veronica zusammen. Denn der Konflikt brachte Familien- und Rollenmuster ins Wanken. Während viele Männer im Gefängnis waren, nahmen die Frauen deren traditionelle Rolle des materiellen Versorgers ein. Und im Kontext von Krieg und Auseinandersetzung stellten sich Frauen, die vorher nur für die Familie gelebt hatten, neuen Aufgaben, von der Organisation der Protestmärsche bis zum Waffentransport.

Oft waren sie selbst erstaunt, was sie,„die kleinen Frauen im Haus“, wie sich die Nordirinnen selbstironisch nennen, alles schaffen konnten. Heute ist es für die Belfaster Frauen genauso selbstverständlich wie für andere Europäerinnen, unabhängig Entscheidungen zu treffen. Junge Frauen wie die Protestantin Emma planen selbstbewusst ihr Leben. Auf der anderen Seite aber hat Nordirland heute eine der höchsten Quoten für Teenager-Schwangerschaften in der EU. Junge Mädchen ziehen sich früh auf die traditionelle Rolle als Mutter zurück, weil sie keine anderen Perspektiven sehen.

Der Tod und die Narben des Krieges
Gewaltsamer Tod, Selbstmord, schwerste Verletzungen und lange Trennungen von geliebten Menschen waren viel zu lange Alltag in Nordirland. Kaum eine Familie hat keine Toten zu beklagen. In den Zeiten der Troubles war Stärke von den Menschen gefordert, für ihre Tränen war kein Platz. Viele fanden erst nach dem Abkommen von 1998 Zeit und Ruhe für ihre Trauer, einige von ihnen haben bis heute mit dem posttraumatischen Stresssyndrom zu kämpfen. Auch viele unserer Interviewpartnerinnen sind von Beruhigungsmitteln abhängig oder haben Phasen hinter sich, in denen ihr Alkohol- oder Drogenkonsum sie aus der Bahn warf – Symptome, die denen von Kriegsveteranen ähneln. „This is the price we pay, I suppose“, sagt das frühere IRA-Mitglied Evelyn trocken.

Einen hohen Preis haben alle gezahlt. Evelyn trauert um ihre Tochter. Und auch die Protestantin Thelma hat den Tod ihres Sohnes bis heute nicht verarbeitet. Der junge Polizist wurde von der IRA getötet. Thelma verlässt ihr kleines, mit Nippes vollgestopftes Haus kaum noch, sie hat keine Hoffnung mehr. Den verstorbenen Sohn und sich selbst sieht sie als unschuldige Opfer der Troubles. Aber kaum jemand ist ganz und gar unschuldig oder schuldig in Nordirland: Lange Zeit waren mehr als zwei Drittel aller Polizisten auch bei UVF und UDA aktiv – dass auch Thelmas verstorbener Sohn ein sog. „Doppelmitglied“ war, ist wahrscheinlich. Zudem haben sich alle drei Söhne der Familie für den Dienst bei der Polizei oder der Armee entschieden, was hinter Thelmas Darstellung einer unpolitischen, liebevollen Familie ein großes Fragezeichen setzt. Auch „Täter“ und „Täterinnen“ sind in Nordirland fast immer zugleich Opfer.  

Aufwachsen in der geteilten Stadt
Genau dieses Wissen hält die Menschen vor Ort, wo alle ihre Schmerzen, Zweifel und Schuldgefühle verstehen. Mit unseren Protagonistinnen bewegen wir uns in ihren Communities, die das Zentrum ihres Lebens bilden: Graue enge Häuser in schmalen Straßen, von massiven Toren gegen die jeweils andere Seite abgeriegelt. Wir beobachten, wie die schweren Eisengitter abends geschlossen und morgens geöffnet werden. Festungsstimmung beherrscht bis heute viele Viertel, und mehr als zehn Jahre nach dem Friedenschluss sind die Straßen auf der anderen Seite selbstverständlich tabu. Die Mauer wird als Normalität erlebt. Viele Frauen sind überzeugt, dass nur sie den fragilen Frieden erhält.  

Die Enge fällt den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht mehr auf. Die Protestantin Janis erzählt aus ihrem Alltag als junge Frau. Sie hat immer an den Brennpunkten des Konflikts gelebt. Heute begrenzt die Peacewall sogar ihren Hinterhof. Jahrelang hatte sie Plastikscheiben in den Küchenfenstern, weil fast täglich Steine und Molotov-Cocktails auf ihr Haus flogen – Glas wurde zu teuer. Doch erst als sie mit ihrem Mann, einem britischen Soldaten, im Ausland stationiert war, wurde ihr die Begrenztheit  ihres Belfaster Lebens wirklich klar. Später verkaufte sie Armeebekleidung für die britischen Soldaten in Belfast.

Wie bei allen unserer Gesprächspartnerinnen standen auch bei Janis die Fronten seit frühester Kindheit fest. Sie wurde in den Grenzen der Konfession erzogen und verbrachte mit ihren Eltern die Sonntage auf Veranstaltungen des loyalistischen Orange Order. An Hetze gegen die Katholiken vor den Troubles aber kann sie sich nicht erinnern. Andere Protagonistinnen wie Evelyn stammen sogar aus konfessionell gemischten Ehen. Doch trotz des protestantischen Vaters wurde Evelyn in der katholischen Community erzogen und fühlte sich selbstverständlich nur dort zugehörig.

Die konfessionelle Identität ist immer noch ein zentrales Thema in Nordirland, erzählen die Frauen. Sie bedeutet Zugehörigkeit und Verbundenheit, definiert aber bis heute auch Grenzen und bestimmt, welche Orte zu meiden sind. Gerade jüngere Frauen wie Emma stoßen sich an dem Widerspruch:  „This is not peace, if I still know I cannot go lots of places here!” Die Musikerin wohnt im Belfaster Village, einer loyalistischen Enklave, weil sie dort eine günstige Wohnung gefunden hat. Sie führt ein Doppelleben, denn ihr Freund ist Katholik. Auf der Straße Hand in Hand zu gehen, das wäre heute noch zu gefährlich. Und doch würde auch Emma ihre graue Stadt nicht verlassen wollen.   

Neben diesen Vierteln, die ab und zu „Terror-Touristen“ erkunden, wirkt das mondäne Zentrum wie eine andere Welt. Der größte Teil der Innenstadt ist als Fußgängerzone gestaltet, Flaggen und Murals sucht man hier vergebens. Stattdessen lösen sich „Starbucks-“ und „Topshop“-Filialen mit Luxusboutiquen ab. Ein deutscher Weihnachtsmarkt vor der City Hall und „Belfast Splash“-Stadttouren mit Amphibienbussen sollen Touristen anlocken. Um Bomben und Gewalt in Vergessen geraten zu lassen, versucht Belfast sich als Stadt der Titanic zu vermarkten, die in den hiesigen Werften gebaut wurde. Ein Museum mit riesigem Vergnügungspark entsteht aktuell im Hafen. 

Die mit EU-Fördergeldern herausgeputzten Straßen wollen eine Vision der Zukunft sein. Aber kann die geteilte Stadt je eine solche „Normalität“ leben?

Geschichte und Geschichten: Die verleugnete Macht der Frauen
In vielen Straßen der kleinen Viertel sind noch heute der einzige Schmuck die bunten Murals, die vom Krieg erzählen. Einige sind auch den Frauen gewidmet – viel zu wenige, finden die Frauen selbst. Immer heißt es „the men in the jails, the men underground, always, always ...the men“ stellt Nuala fest. Totgeschwiegen und aus der Geschichte geschrieben, so nehmen auch andere Republikanerinnen die ihnen zugewiesene Rolle wahr.

Die Loyalistin Debbie sieht das anders. Viele Frauen im protestantischen Communities, die aktiv in loyalistischen Gruppen mitarbeiteten, distanzierten sich selbst im Nachhinein von ihrer Rolle, wollten nicht mehr über ihre Aufgaben im Kampf sprechen. „It also about not taking that away from their men,” sagt Debbie. Sie selbst war mit einem Mann verheiratet, der als UVF-Mitglied eine fast zehnjährige Haftstrafe verbüßt hatte. Die Ehe scheiterte an seiner Gewalttätigkeit. Heute versucht Debbie als Sozialarbeiterin anderen Männern zu helfen, die mit unkontrollierten Ausbrüchen sich und die Familie zerstören. Weil viele loyalistische Männer keinen Weg fänden mit Verlusten und Trauer umzugehen, überließen die Frauen ihnen wenigstens das Rampenlicht, resümiert Debbie.

Aber auch bei den Republikanerinnen gibt es große Unterschiede. Joanna, die einer republikanischen Hochburg aufwuchs, sprach lange nicht über ihr Erleben der Troubles. Ihre Familie gehörte in der Falls Road zu einer relativ kleinen Gruppe von Bewohnern, die sich dem Konflikt so weit als möglich verschloss. Joanna sah sich nicht als Teil des Konflikts, und trotzdem hat der Bürgerkrieg auch sie gezeichnet: Einer ihrer Brüder wurde auf einer Demonstration erschossen, ein anderer beging Selbstmord. Darüber schwieg Joanna lange, als müsse man „Experte“ sein, um sich äußern zu dürfen. Heute spricht sie mit anderen „gewöhnlichen Frauen“ über diese Zeit – auch mit Frauen der anderen Konfession. Das Schweigen zu brechen, war nicht einfach, aber wichtig, um sich die Vergangenheit bewusst zu machen. Joanna selbst beschreibt die Konflikte und die Gewalt als „such an intrinsic part of the life, that you did not actually notice it was there.” 

Perspektiven für die Zukunft finden
Auch einige andere unserer Interviewpartnerinnen arbeiten bei einem der von der EU geförderten Cross-Community-Projekten mit, die die Kluft zwischen Protestanten und Katholiken überwinden wollen. Wir beobachten die Arbeit vor Ort. Frauen beider Konfessionen versuchen, gemeinsam die Vergangenheit aufzuarbeiten. Heute noch ist dies ein mutiger Schritt, den nur wenige wagen. Für sie ist es das erste Male, dass sie mit den Frauen von der anderen Seite zusammentreffen und hören, wie diese die Troubles erlebten. Die Probleme heute ähneln sich überall: Häusliche Gewalt, hohe Selbstmordraten, Jugendkriminalität und Kinderschwangerschaften sind direktes Erbe des Konfliktes. Wie kann die Perspektivlosigkeit gemeinsam bewältigt werden? Noch ist der Umgang miteinander hölzern, und doch gibt es Hoffung. 

Vor Ort werden wir alle interviewten Frauen einladen, zusammen mit uns einen ersten Rohschnitt des Films zu sehen. Diese Szenen nehmen wir später in den Film auf. Die meisten Frauen treffen sich an diesem Abend das erste Mal, und auch sie sind gespannt auf die Interviewpartnerinnen der „anderen Seite“. Auch die Filmmusik wird in gemeinsamer Arbeit mit den Protagonistinnen entstehen. Sie soll die Frauen repräsentieren und für sie gefühlsmäßig dem Thema entsprechen. Aktuell aber können sich die Frauen nur darauf einigen, dass Katholikinnen und Protestantinnen je einen Liedtext schreiben wollen – wir als Filmemacherinnen möchten zusätzlich einen gemeinsamen Titelsong für den Film mit allen zusammen gestalten. Den Prozess der Zusammenarbeit werden wir mit der Kamera begleiten, und auch die Aufnahme der Musik im Tonstudio wird ebenfalls ein Teil des Films. Bis jetzt ist geplant, dass eine katholische Sängerin beide Lieder interpretieren wird, mit Gitarre und Flöte begleitet von der protestantischen Musikerin Emma. Über das Schaffen der Musik drückt sich aus, dass ein vereintes Belfast eine Utopie ist, die bis heute nur in ersten Schritten und mit vielen Schwierigkeiten umgesetzt wurde.

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